Zum vierten Mal hat die Fokolar-Bewegung 2026 weltweit einen Bericht vorgelegt über die Meldungen und Maßnahmen zum Missbrauch in seinen unterschiedlichen Formen.

Inzwischen liegt der Bericht auch in deutscher Sprache vor.

Im Gespräch ziehen die Delegierten der Fokolar-Bewegung in der D-A-CH-Region Ursula Schmitt und Roberto Rossi Bilanz, was sich insbesondere seit Einrichtung der Kontaktstelle für die geistlichen Machtmissbrauch getan hat.

Seit 2008 gibt es in Deutschland, seit 2010 in Österreich und in der Schweiz Ansprechpersonen für sexualisierte Gewalt in der Fokolar-Bewegung und entsprechende Leitlinien. 2021 wurde die Kontaktstelle für geistlichen Machtmissbrauch in der Fokolar-Bewegung in der D-A-CH-Region eröffnet.
Was hat sich inzwischen getan vor allem in Bezug auf den geistlichen Machtmissbrauch – ist ein Bewusstsein und eine Sensibilisierung gewachsen?

Ursula Schmitt: „Die Kontaktstelle für den geistlichen Machtmissbrauch war aus unserer Sicht ein Muss, um Betroffenen die Möglichkeit zu geben, sich zu melden und unabhängige Ansprechpersonen zu haben. Zu dem Zeitpunkt gab es dafür noch keine Vorbilder, aber es war ein Bedürfnis, das aus Gesprächen mit Betroffenen und Fachleuten aus diesem Bereich deutlich wurde.

Im ersten Jahr nach Eröffnung gab es viele Gespräche, viele Kontakte, wir haben auch innerhalb der Bewegung an vielen Stellen und immer wieder auf dieses Angebot hingewiesen.

Aber dann begann und dauert bis heute die eigentliche Arbeit: Es geht darum, ein Bewusstsein und eine Sensibilität dafür zu entwickeln, was Machtmissbrauch und spiritueller Missbrauch ist, wo und wann wir hellhörig und wachsam sein müssen.

In den ersten Jahren haben wir damit begonnen, die Mitglieder des Koordinierungsrats, also die zentralen Verantwortlichen aller D-A-CH-Gruppen und -Bewegungen zu schulen. Anschließend wurde die Schulung auf alle Mitglieder der Fokolar-Bewegung ausgeweitet. Die Jugendbegleiter haben sogar einen mehrtägigen Kurs unter der Leitung der Österreicherin Dr. Katharina Fuchs absolviert.“

Die Kontaktstelle für geistlichen Machtmissbrauch in der Fokolar-Bewegung der DACH-Region berät nicht nur von Missbrauch Betroffene sondern hilft auch bei der grundsätzlichen Sensibilisierung für dieses Thema – und das nicht nur in der DACH-Region, oder?

Roberto Rossi: „Ja, insbesondere die Koordinierungsgruppe bietet Beratung für Gruppen und Einzelpersonen. Dabei geht es um die verschiedenen Möglichkeiten, Menschen bei der Bearbeitung solcher Missbrauchserfahrungen zu begleiten und alle Mitglieder und Engagierten in der Bewegung zu sensibilisieren, wo Missbrauch anfängt, was als missbräuchlich wahrgenommen werden kann.
In Europa sind nach dem Vorbild unserer Initiative ähnliche Kontaktstellen entstanden.“

Und wächst tatsächlich ein Bewusstsein und eine Sensibilisierung unter den Mitgliedern für die Gefahr von Missbrauch in seinen unterschiedlichen Formen?

Schmitt: „Sicherlich sind wir heute an einem anderen Punkt als vor 10 oder vor 5 Jahren. Die kontinuierliche und obligatorische Weiterbildung für alle, die mit Jugendlichen arbeiten, ist Standard, und wir bemühen uns, regelmäßig Weiterbildungsmöglichkeiten dafür anzubieten.

Aber wir sind sicher nicht am Ziel angekommen. Das Verständnis dafür, was Missbrauch in seinen verschiedenen Formen sein kann, wird immer genauer und präziser. Es gibt immer neue Erkenntnisse und immer wieder neue Menschen in der Bewegung. Die Sensibilisierung und Prävention bleibt also eine kontinuierliche Aufgabe, die ständig angepasst und verbessert werden muss.

Und dazu gehört nicht zuletzt auch die transparente Kommunikation. Wir haben uns verpflichtet, jährlich Rechenschaft darüber abzulegen, was an Meldungen zum Missbrauch in seinen unterschiedlichen Formen eingegangen ist. Das geschieht sowohl auf internationaler Ebene als auch in unserer DACH-Region. Auf unseren offiziellen Webseiten findet sich auf der Startseite der Hinweis auf das Thema und die Berichte werden dort veröffentlicht.“

Wo ist noch Wachstumspotential?

Rossi: „Ein offener Punkt, mit dem wir wenig Erfahrung haben, ist der Umgang mit Beziehungen und Spannungen, die in Gemeinschaften entstehen können, in denen Personen leben, die Missbrauch begangen haben oder dessen beschuldigt werden, oder die Angelegenheit noch geklärt wird. Wie gehen wir damit um, wenn diese Menschen ihren Weg in den Gruppen der Bewegung fortsetzen möchten?

Manchmal geht es auch um Personen, die von anderen Institutionen disziplinarisch belangt werden, weil der Missbrauch nicht innerhalb der Bewegung stattgefunden hat. Oder die Taten liegen in der fernen Vergangenheit und da stellen sich ernsthafte und nicht leicht zu lösende Fragen hinsichtlich der Möglichkeit und Art der Teilnahme am Leben in einer Gruppierung der Fokolar-Bewegung.

Auch in den detaillierten Protokollen und Verhaltensrichtlinien der Bewegung gibt es dafür keine Standardlösungen. Jeder Fall ist anders und es erfordert großes Engagement und Ernsthaftigkeit, um die Sensibilität und Bedürfnisse der einzelnen Gruppenmitglieder wahrzunehmen und zu respektieren. Inzwischen haben unterschiedliche Gruppen in der Fokolar-Bewegung auch eigene Erfahrungen gesammelt, haben sich zum Teil externe Beratung dazugeholt, sind als Gemeinschaft vor Ort einen eigenen Weg gegangen. Das ist ein Prozess, in dem wir ständig lernen. Wir verstehen auch miteinander, wo es noch weitere geschützte Räume des Hörens und des Sprechens braucht. Und ganz wichtig: Wir teilen unsere Erfahrungen auf internationaler Ebene und lernen auch dabei voneinander.“

Datum: 20.10.2026
Kategorie: Allgemein
Tags:

Weitere interessante Artikel

Alt sind gefühlt meist die anderen, die älter sind als man selbst. Mit der steigenden Lebenserwar-tung nehmen freilich auch die Sorgen vor möglichen »Altersgebrechen« zu.

Jetzt lesen

Menschen wie du und ich, bekannte und unbekannte, Frauen, Männer,
Glaubende und Zweifelnde erzählen, was sie um- und antreibt.

Jetzt lesen
Zur Waffenruhe im Gaza-Streifen: Eine Stellungnahme der Präsidentin der Fokolar-Bewegung Margaret Karram.

Die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas: Für Margaret Karram, Präsidentin der Fokolar-Bewegung und Palästinenserin, ist das ein erster wichtiger Schritt in Richtung Frieden. 

Jetzt lesen