„Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen!“

– Markus 1,3

„Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen!“ (Markus 1,3)

 

Eine Unruhe hatte die Menschen damals erfasst. Die Spannung lag spürbar in der Luft. Unzufriedenheit griff um sich, auch Wut und Zorn über die Regierenden. Die römischen Besatzer demütigten das einfache Volk, spielten die Herren und genossen ihre Privilegien auf Kosten der Bevölkerung. Doch mit der Unzufriedenheit verband sich die tiefgreifende Sehnsucht: nach Befreiung, nach Erneuerung, nach einer Wende. Hatten die Propheten Israels nicht eine solche Wende angekündigt?

 

            Stimme eines „Rufers in der Wüste“

 

In dieser unruhigen Zeit tritt Johannes der Täufer auf. Er versteht und kennt die Sehnsucht, die die Menschen bewegt. Lebt sie doch auch in ihm selbst. Johannes ist überzeugt: Von Gott her kommt Neues auf uns zu. In dieser Gewissheit tritt er am östlichen Ufer des Jordan auf, in jener kargen Gegend, in der das lebendige Wasser[1] des Jordan in das Tote Meer einmündet; wo Leben und Tod so nahe beieinanderliegen. Ganz in der Nähe hatte Mose vor seinem Tod eine große Abschiedsrede gehalten und das versammelte Volk gemahnt, doch das Leben zu wählen, nicht den Tod.[2] Hier hatten die Kinder Israels einst den Jordan überquert, im Vertrauen auf Gottes Führung und Geleit. Johannes kann die Botschaft, die ihn ganz und gar erfüllt, nicht für sich behalten. Er muss reden; reden von der bevorstehenden Wende und vom Aufbruch. Von einer bevorstehenden Ankunft!

 

            „Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen!“

 

Johannes versteht sich als Bote. Wenn er die Menschen an der Schwelle zum Verheißenen Land tauft, soll das der Umkehr dienen, um für den kommenden Herrn bereit zu sein. Er weist das Volk, das in Scharen herbeiströmt, auf einen anderen hin, der nach ihm kommt. Dieser ist es, der das Heil bringt. Dabei kann sich der Täufer auf Worte des Propheten Jesaja stützen.[3] Dieser hatte am Ende des babylonischen Exils die frohe Botschaft von einem neuen Exodus angekündigt: Gott wendet sich seinem Volk zu, befreit es und führt es durch die Wüste in eine heilvolle Zukunft. Die ungewöhnliche Kleidung des Täufers – „ein Gewand aus Kamelhaaren und ein lederner Gürtel um die Hüften“ (Markus 1,6) – erinnert an den Propheten Elija, der dem Messias den Weg bereiten sollte. Der Evangelist Markus sieht Johannes als Vorläufer und Boten des kommenden Messias.[4]

 

            „Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen!“

 

 

Diese Aufforderung des Täufers stellt die Liturgie der Kirche an den Anfang des neuen Kirchenjahres. Sie lädt dazu ein, die Tage des Advent als Zeit der Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn zu verstehen und zu leben. Dabei ist die Unterscheidung in eine dreifache Ankunft des Herrn in meinem Leben hilfreich.

            Seine erste Ankunft lässt mich zurückschauen. Der Herr ist bereits gekommen. Erlösung ist bereits geschehen. Die Tage des Advent dienen der Vorbereitung auf das Fest der Geburt des Herrn. Dankbar bekennen Christen Jahr für Jahr: „Christus, der Heiland, ist uns geboren. Kommt, wir beten ihn an.“ Doch ist er, der gekommen ist, denn auch angekommen? In meinem Leben, in meiner Familie, meiner Gemeinschaft? Seit der Taufe lebt er mit und in mir. Lebe ich mit und aus ihm?

            Seine zweite Ankunft lässt mich vorausschauen. Der Herr wird kommen – am Ende der Zeit. Die Welt liegt in Geburtswehen. Trotz aller Nöte: Mein Leben, das Leben der Menschen endet nicht im Chaos, verliert sich nicht in das Sinnlose. Es vollendet sich in der Begegnung mit dem Herrn, der uns entgegenkommt. Die Hoffnung auf den (wieder-)kommenden Messias, der die Welt vollendet, teilen Christen und Juden miteinander, wenn auch auf unterschiedliche Weise.

            Seine dritte Ankunft fordert mich täglich neu heraus. Sie ereignet sich jetzt. „Der Augenblick ist das Gewand Gottes“, sagt Martin Buber. In den Menschen, die mir begegnen, den Aufgaben, die sein Wille mir zuspielt, kommt er mir täglich entgegen. In schönen und schmerzlichen Augenblicken. Mich am Morgen für ihn bereit zu machen und am Abend in Dankbarkeit zurückzublicken auf die Begegnung mit ihm – so wird das Wort Leben.

Franz Sedlmeier, Ingolstadt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                © Alle Rechte an der deutschen Übersetzung beim Verlag NEUE STADT, München

                Das „Wort des Lebens“ erscheint auch in der Zeitschrift NEUE STADT. Eine kostenlose Probenummer oder ein Abonnement (jährlich € 49,- bzw. CHF 66.90) können Sie bestellen bei: Redaktion NEUE STADT, Hainbuchenstraße 4, 86316 Friedberg, redaktion@neuestadt.com oder bei Verlag Neue Stadt, Heidengasse 5, 6340 Baar, verlag@neuestadt.ch

[1] „Lebendiges Wasser“ meint „fließendes Wasser“.

[2] Vgl. Deuteronomium 30,19–20: „Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle … das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe den Herrn, deinen Gott, hör auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben.“

[3] Jesaja 40,3: „Eine Stimme ruft: In der Wüste bahnt den Weg des Herrn, ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott.“

[4] Vgl. Markus 1,7–8: „Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich […]. Ich habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.“